Lakritzikon

Skurril, bemerkenswert oder einfach unglaublich

Hier erfährst du auf unterhaltsame Weise alles Wissenswerte rund um Lakritz. Wo kommt es her, wer isst es gerne, was kann man damit machen …
Wer weiß, vielleicht ist ja die Antwort auf die 1.000.000 Euro Frage bei „Wer wird Millionär?“ dabei. Reinschauen lohnt sich auf jeden Fall. Viel Spaß beim Schmökern!


Fast ein Gemüse

Es klingt wie im Schlaraffenland: Lakritz wächst an Bäumen. Genauer gesagt gewinnt man es aus der Wurzel des Süßholz. Das ist ein buschartig wachsender Schmetterlingsblütler, der sich rund ums Mittelmeer und in Westasien wohlfühlt. Im Spätsommer erscheinen die violett-blauen oder weißen Blüten, im Herbst ist dann die Wurzel reif für die Ernte. Gute Nachricht für alle Naschkatzen: Das Süßholz gehört in die große Familie der Hülsenfrüchte. Wenn also jemand sagt „Iss doch mehr Gemüse“, ist ein beherzter Griff zu Lakritz auch eine Möglichkeit.

Nomen est omen

Lakritz, wo kommt der Name eigentlich her? Schlicht und einfach heißt es tatsächlich „Süßwurzel“. Das deutsche Wort Lakritz hat sich aus dem Lateinischen „glycyrrhiza“ entwickelt. Ursprünglich haben – wie so oft – die Griechen das Wort geprägt: „glykys“ (= süß) und „rhiza“ (= Wurzel). Im Mittellateinischen wurde dann das Wort „liquiritia“ zur geläufigen Bezeichnung des schwarzen Glücks. Aber da in weiten Teilen des Römischen Reiches kaum einer Latein sprach, entwickelten die Menschen nach Gehör eigene Begriffe. So kam es zu Leckeritz, Lackerisse und im 15. Jahrhundert schließlich zu Lakritz. Nur in Köln, wo ja vieles anders ist, sprach man noch sehr lange von Klaritz.

Ein rabenschwarzer Tag

Obwohl hierzulande schon seit den Römern beliebt, gibt es erst seit 2013 einen Tag, an dem die schwarze Leckerei gefeiert wird. Am 12. April ist nun jedes Jahr der deutsche Lakritztag. Es gibt zum Beispiel Lesungen oder auch Gratis-Verkostungen, bei denen die Kenner über salzig oder süß streiten. Gefeiert wird übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, Italien und Österreich. Die Schweizer machen auch mit, allerdings essen die lieber Bärendreck – ob das wirklich immer Lakritz ist?

Zart wie Schuhsohle

Eine legendäre Mahlzeit nahm einst Charlie Chaplin in seinem berühmten Film „Goldrausch“ zu sich. Als ein vom Pech verfolgter Glücksritter auf der Suche nach Gold droht ihm im Schneesturm der Hungertod. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als seinen Schuh samt Schnürsenkel zu verspeisen. Chaplin hatte Glück: Seine Schuhe am Filmset waren aus köstlichem Lakritz – die der echten Goldsucher wohl eher nicht.

Vive la Lakritz

Kleiner Mann mit großer Leidenschaft? Wer kennt sie nicht, die Bilder, auf denen Napoleon Bonaparte seine rechte Hand in der Brusttasche versteckt. Die einen sagen, es sei eine typische Geste der Macht, aber Insider vermuten, dass er dort immer einen Vorrat an köstlichem Lakritz versteckt haben sollte. Das würde ihn fast ein bisschen sympathisch machen.

Lang, länger, Lakritz

„Lakritz all around the world“ – selbst in Australien schätzt man die Süßholz-Spezialität. So sehr, dass man mit ihr ins Guinness Buch der Rekorde wollte. Mit einer Lakritzschnur von 244 Metern gelang der Coup. Allerdings sitzen die wahren Lakritz-Fans ja bekanntermaßen im Norden. Engagiert überboten die Schweden diesen Rekord 2012 wieder: mit einer Lakritzschnur von sagenhaften 519 Metern! Ob es ein Knäckebrot in vergleichbarer Länge gibt, ist nicht überliefert.

Nouvelle cuisine

Nicht nur Lakritz ist bei Küchenchefs beliebt. Auch der Grundstoff, das Süßholz selbst, ist als Pulver in der arabischen und chinesischen Küche seit Jahrtausenden eine geschätzte Zutat. In unseren Breiten entdecken experimentierfreudige Gourmets zurzeit das Süßholz als Begleiter von Anis oder Fenchel. Aber hier ist Fingerspitzengefühl gefragt: das Pulver ist 50-mal süßer als andere Süßungsmittel. Und das könnte selbst den größten Nachtisch-Fan überfordern.

Schwarzer Rachenputzer

So schwarz wie eine skandinavische Winternacht muss er sein, der Salmiakki Koskenkorva. Das ist ein in Finnland sehr beliebtes, hochprozentiges Getränk auf Basis des finnischen Wodkas. Auch in Island genießt man gerne Wodka-Mischgetränke mit Lakritz-Geschmack, würzig und scharf. Hierzulande nippt man lieber am weicheren Lakritzlikör. Die alten Wikinger sind eben doch härter im Nehmen.

Buddhas Lieblingsbad

Ein ganz besonderer Saft: Süßholz wird in China traditionell am 8. Tag des 8. Monats als Tee zubereitet und über eine Buddha-Figur gegossen. Danach wird der Tee aufgefangen und getrunken, denn ihm werden heilende Kräfte nachgesagt. Kein Wunder also, dass Buddha immer so entspannt lächelt.

Feuerlöschen mit Lakritz

Die schwarze Köstlichkeit entfacht bei echten Fans helle Begeisterung – Anfang des 20. Jahrhunderts diente sie verblüffender Weise allerdings dazu, Feuer zu löschen. Ein besonderer Inhaltsstoff, das Glycyrrhizin, macht’s möglich. Dies gehört zu den Saponinen, ist also ein seifenartiger Stoff, und beginnt bei Kontakt mit Wasser zu schäumen. Voilà: es entsteht Löschschaum. Aber genug der Chemie, wir bleiben lieber Feuer und Flamme für die süße Variante von Lakritz!

Verdiente Lorbeeren

Im Süden Europas wird traditionell aus Wurzeln und Ausläufern der Süßholzpflanzen das „Succus“ gekocht. Der Sud wird ausgepresst und danach unter stetigem Rühren eingedampft. Aus diesem Extrakt werden schließlich Lakritzblöcke, -brote, -stangen oder -pastillen geformt. Diese werden nach dem Trocknen zum Schutz in Lorbeerblätter eingewickelt, den gleichen Blättern, aus denen man früher die Kränze der Sieger gewunden hat. Verdientermaßen: Lakritz ist schließlich unser Geschmacks-Sieger.

Der erste Energydrink der Welt

Auch die alten Römer schätzen die Süßholzwurzel und ihre Wirkung. Kein Wunder, haben sie doch viel von den Ägyptern gelernt. Historische Aufzeichnungen belegen, dass der Saft der Süßholzwurzel wohl zum üblichen Marschgepäck der Legionäre gehörte. Zum einen stillte er Hunger und Durst, zum anderen sollte er die Stimmung heben. Süßes macht schließlich glücklich. Noch glücklicher wäre die Welt allerdings, wenn Soldaten lieber naschen statt kämpfen würden.

Tutanchamuns Reisegepäck

Dass die Ägypter ihren Pharaonen wichtige Utensilien für ihre letzte Reise ins Grab gelegt haben, ist bekannt. Weniger bekannt ist vielleicht, dass auch Süßholz dazu gehörte. Schon 1300 vor Christus war sein Wert als Heilpflanze den Gelehrten der ägyptischen Hochkultur vertraut. Unter anderem sollte es gegen schlechten Atmen helfen. Ob das der Grund war, weshalb man es Tutanchamun ins Grab gelegt hat, ist nicht überliefert. Vielleicht war es auch einfach sein bevorzugtes Naschwerk.

Zwei Kilo pro Kopf

Wenn es um den Lakritzgenuss geht, ist Europa immer noch geteilt: Im Süden, wo die aus dem vorderen Orient stammende Süßholzwurzel zuerst an Land ging, bevorzugt man die kräftig-salzige Variante. Die Franzosen mildern Lakritz mit Gummi arabicum ab, die Engländer mögen es noch milder und weicher, während die Skandinavier es Salmiak-scharf bevorzugen. Die Holländer als alte Seefahrer-Nation bevorzugen ebenfalls die salzige Version. Sie sind übrigens mit 2 Kilo Genuss pro Kopf ganz klar Lakritz-Weltmeister. Wir Deutschen schaffen gerade mal 200 Gramm! Vielleicht liegt es daran, dass Lakritze nicht so gut zum Bier passt, wer weiß.

Von wegen bittere Pille

Wie viele kulturelle Errungenschaften wurde auch die Lakritz-Pastille von einem Römer erfunden. Im ersten Jahrhundert nach Christus soll der Arzt Skiribonius Largus den eingedickten Süßholzsaft in handliche Pastillenform gepresst und getrocknet haben. Das machte die Anwendung natürlich für Arzt und Patienten besonders einfach. Wer schluckt schon gerne bittere Pillen?

Süßes aus Sand

Süßholz wurde nicht zuletzt wegen seiner Wirkung ein echter Importschlager. Da es aber auf Dauer recht kostspielig war, kamen clevere Apotheker aus Bamberg darauf, Süßholz im großen Stil selbst anzubauen. Das milde Kilma und die sandigen Böden boten beste Voraussetzungen und so wurde das Bamberger Gewächs seinerseits ein Exporterfolg bis Dänemark oder Böhmen. Um den zu sichern, wurde das akkurate Ausgraben der Süßholzwurzel zum festen Bestandteil der Bamberger Gärtnerprüfung. Ob man zum Bestehen den schwarzen Daumen braucht?

Süße Anziehungskraft

Wie so oft, wenn einer Pflanze eine heilende Wirkung nachgesagt wird und sie dabei auch noch gut schmeckt, kommt früher oder später jemand auf die Idee, sie für einen Liebestrank zu verwenden. Und was wäre da prädestinierter, als die Süßholzwurzel. Schon seit dem 3. Jahrhundert ist sie fester Bestandteil von diversen Liebesrezepten. Ob sie wirken, ist nicht überliefert. Aber noch heute soll Süßholzraspeln ja helfen, einem anderen Menschen näher zu kommen. Scheint also etwas dran zu sein, wenn man jemanden „süß“ findet.

Süßes ist doch gut für die Zähne

Lange vor der Erfindung der Pfefferminzfrische haben Menschen die Süßholzstange als Zahnbürste verwendet. Die durch das Draufbeißen entstehenden Fasern reinigten zwischen den Zähnen. Und einen frischen Atem machten sie auch noch. Zumindest, wenn man – wie die Geistlichen im 19. Jahrhundert – das Lakritz mit Veilchenwasser verfeinerte. Kein Wunder, dass bis heute in Italien der Volksmund die Lakritzpastillen auch als „Bischofsknöpfe“ kennt.

Lakritz macht schön

Manch Halbstarker träumt von einem lässigen Tattoo. Ungünstig, wenn man dem Wunsch nachgibt, um dann festzustellen, dass es doch nicht so toll aussieht. Früher hat man sich einfach und charmant mit Lakritz beholfen: Die Pastillen wurden auf die angefeuchtete Haut gelegt, nach einem kurzen Moment zierte ein cooles, schwarzes Muster die Haut, das nicht bis in alle Ewigkeit blieb. Und das nicht zur Streichung des Taschengeldes führte.

Offizielles Schwarzgeld

Einer Legende nach waren kleine Honig-Lakritzkugeln im mittelalterlichen Montpellier ein beliebtes Zahlungsmittel. So wurden diese Kügelchen von gewitzten Händlern als Wechselgeld an die vorbeikommenden Jakobswegpilger herausgegeben. Noch heute sind diese leckeren Kugeln Geld wert, allerdings nur in kleinen, runden Dosen als beliebtes Souvenir.

Wohl bekomm’s

Im 14. Jahrhundert wurde verdorbenes Fleisch häufig stark überwürzt, um den Geschmack zu übertünchen und kam so doch noch auf den Teller. Den starken Geschmack und die Folgen des Verdorbenen sollte durch süßes Lakritz gelindert werden. Das wiederum freute König Edward I., der umgehend eine Importsteuer erhob und mit den Einnahmen die London Bridge sanierte. Hoffentlich kommt niemand darauf, dieses Finanzierungsmodell für den Berliner Flughafen zu kopieren.

Doppeltes Lakritzchen

Süßholz ist nicht gleich Süßholz. Die beiden am weitesten verbreiteten Arten des Süßholzes sind Glycyrrhiza glabra L. „typica“ und „glandulifera“ – auch „spanisches“ bzw. „russisches“ Süßholz genannt. Zur Unterscheidung der beiden Sorten steckt man jeweils einen Wurzelstock in ein mit Wasser gefülltes Gefäß. Das leichtere, russische Süßholz schwimmt auf, während die spanische Wurzel sinkt. Aber am Ende macht das keinen Unterschied, gehen sie doch beide den Lakritzliebhabern ins Netz.

Mamis Lakritz

Lakritz hat es ganz schön in sich. Zum Beispiel Glycyrrhizin, ein Gemisch aus Kalium-und Calciumsalzen. Dieses Glykosid, das Lakritz seinen Geschmack verleiht, besitzt in etwa die 50-fache Süßkraft von Rohrzucker. Auch drin: Ammoniumchlorid, bekannt als Salmiaksalz. Und das sorgt – in Mengen genommen – für einen hohen Blutdruck. Kinderlakritz enthält deshalb höchstens 2% Salmiaksalz, Erwachsene vertragen da schon etwas mehr. Ab einem Gehalt von 4,49% Salmiaksalz gilt Lakritz sogar als „Extra stark“. Also Kinder, Hände weg von Mamis Lakritz – irgendwann seid Ihr auch mal so weit!

Hüben wie drüben

Wer bereits vor dem Mauerfall 1989 eine Schwäche für Lakritz hatte und im Osten unterwegs war, wird sie vielleicht noch kennen: die etwa 15 cm langen, knochenharten, in Folie eingewickelten Stangen. Erst klebten sie an der Folie, dann beim Abbeißen an den Zähnen und später einfach überall: Finger, T-Shirt, Haare. Aber lecker war’s – und Lakritze ist es immer noch. Schön, dass guter Geschmack keine Grenzen kennt.